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336 Anhang Nr. 44 Nr. 44 Florenz Karl Wilhelm Franz Rocholl (St.f. VW 52), Pfarrer zu Gr. Ottersleben Ausschnitte aus der Gedächtniörede, gehalten am 13. 2. 1876 in der Kirche zu Gr. Ottersleben anläßlich seime38 Ableben8. Aus feiner Jugendzeit, Noch nicht 17 Jahre alt, hatte er das Gymnasium seiner Vatersiadt (Soest) durchlaufen. Sein Vater wollte dem überaus fähigen und charaktervollen Jüngling sein blühende3 und für damalige Verhältnisse bedeutendes Geschäft zur selbständigen Leitung übergeben, aber da3 Vorbild seines Großvaters (Mönnich zu Schwefe), der dicht bei Soest ein würdiger Geistlicher war, und sein innerer Beruf zogen ihn unwiderstehlich zum Studium. . . . . . Aus seiner Studienzeit. Um seiner Jugend willen blieb er noß ein Jahr auf dem Gymnasium und bezog, nochh nicht 18 Jahre alt, Ostern 1824 mit eimem ausgezeicneten Abgang3zeugnis die Universität zu Berlin, um Theologie als Hauptfach, Philologie und Mathematik al8 Nebenfächer zu studieren. Schleiermacher und besonders Neander, bei dem er Hausfreund wurde, waren seine liebsten Lehrer, daneben börte er den Philosophen H egel, den Geographen Ritter und den Mathematiker Lehmus83. Von Berlin ging er 1826 nah Bonn, wo er intim mit den Professoren Sad> und Nißschch verkehrte. Wie sehr gerade Nißsch den strebsamen und gebildeten jungen Theologen schäßte, geht daraus hervor, daß er ihm die Patenstelle bei einem seiner Kinder antrug. Auf feine innere Entwicklung ist besonder8 Neander und später Nißsch von großem Einfluß gewesen. . . . . . Kölner Zeit, Im Jahre 1829 bestand er rasch hintereinander die theologische und auf Drängen von NiBsch die Oberlehrerprüfung „sehr gut“ und wurde dann, ohne ordiniert zu sein, zur Verwaltung der Garnisonpredigerstelle in Köln berufen. Schon hier entfalten sich feine bedeutenden Predigtgaben, die mit großem Ernst den Kern de3 Menschen, sein Herz zu ergreifen und zum Herzen zu rühren verstanden. Seine Gottessdienste waren gedrängt voll und auch sonst wurde er wegen seino3 liebenswiirdigen Charakters schr gesucht. Trierer Zeit. Im Jahre 1830 wurde er dann, noh nicht 24 Jahre alt, Divisionsspfarrer der 16. Division zu Trier. Die dortige Militärgemeinde war seine erste eigene Gemeinde und seine erste Liebe; 16 Jahre ist er dort geblieben; ihr gehörte seine erste und beste Manneskraft, mit großem Eifer und Ernst arbeitete er in derselben, und so sehr auch die Personen und Verhältnisse wechselten, seine Stellung war doch eine stets gleich-freundliche. Bezeichnend für die große Geivalt feiner Beredtsamkeit und die Gediegenheit seiner Predigt war folgender Umstand: Die Soldaten wurden, wie überall, zur Kirche kommandiert. Da bat er den General, er möge den zwangsweisen Kirchenbesuch aufheben und zu demselben erst wieder zurückkehren, wenn sich üble iL
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Anhang Nr. 44 337 Folgen zeigten. Der Kirchenbesuch wurde zwar freiwillig, aber nicht geringer als vorher, und seit der Zeit blieb es so, solange er in Trier war. . . . . Dem König Friedrich Wilhelm IV. ist er besonder3 lieb gewesen. So oft der König nach Trier fam, wurde er zur Predigt befohlen, und viel und innig hat sich der König mit ihm unterhalten. Erst 32 Jahre alt, bekam er den Roten Adler-Orden. . . . . . Al3 er 10-12 Jahre nach seinem Fortgang von Trier nochmal dort predigte, war die Kirche wieder gedrängt voll, und e8 soll rührend und hoch ergreifend gewesen sein, al8 nach dem Gottesdienste die Scharen freudig sich an ihn herandrängten und um einen Händedruck rissen. Otterslebener Zeit. Von Trier wurde er 1846 im Februar hierher nach Gr. Ottersleben verseßt. . . - » . Seine hiesige Tätigkeit ist Cuch meist bekannt, Ihr wißt, wie er in dem Revolutionsjahre und der darauf folgenden Zeit der Mittelpunkt aller königstreuen Männer der ganzen Umgebung gewesen ist, wie er durch seinen Manne38mut und sein allzeitig schlagfertigess Wort mächtig und in der edelsten Weise in die damalige Bewegung eingegriffen haft. Seine ganze Erscheinung war eine so ehrfurchtgebietende, daß er verschiedentlich bei Deputationen mit deim Vertrauen als Sprecher geehrt wurde. . . . . . Gerade durch die Frische, Fülle und gewaltige Kraft feiner Predigten zog er in den ersten Jahren seines Hierseins Scharen von Magdeburgern nach dem damal3 kaum halb so großen Otteröbeben in die Kirchhe. . . . . . Von einem anderen Segen seiner Rede wurde mir in diesen Tagen erzählt: Ein Handwerksbursche kommt auf dem Wege von Magdeburg nach Langenweddingen durch Ottersleben; sein Weg führt ihn an dem Gottesa>er vorbei, wo gerade ein Begräbni3 gehalten wird. Er denkt: Willst doch einmal sehen, was der Mann dort sagt. Gleich die ersten Worte sind: „Wo kämst Du hin, wenn jekt Dein Sterbestündlein schlüge?“ Da3 greift den bis dahin im Leichtsinn dahingehenden jungen Mann so an, daß er die Worte nicht wieder loswerden kann. Er schlägt in sich, kehrt um, geht von nun an fleißig zur Kirche und wird später HauSvater eines Rettung8hauses. . . . . . Eine Predigt in einer Landkirche über die Versöhnlichkeit schließt er etwa mit den Worten: „Ist jemand unter un3 in dieser Versammlung, der noch mit seinem Bruder in Unfrieden oder Feindschaft lebt, der versöhne sich noch heute gleich mit seinem Bruder, oder ich und die8 Wort werden ihn einst vor dem Richterstuhl Christi verklagen.“ Beim Ausgange aus der Kirche sieht er eine Frau weinen und erfundigt si nach dem Grunde ihrer Trauer. Doch sie bekennt, sie weine Freudentränen, denn soeben hätten sich ihre Söhne, die fich um einer Erbschaft entzweit, miteinander versöhnt, indem der Jüngste die einzelnen Brüder an der Kirchhentür erwartet und hinweisend auf da8 eben gehörte Wort den anderen die Hand geboten hätte. . . . . . Schauet sein Ende an. Sein Großvater war Pfarrer in Schwefe bei Soest und ist 80 Jahre alt geworden. Da bricht der Typhu3 aus im Dorf. Er will zu einem Kranken gehen, man versucht ihn abzuhalten von dem Besuch, doch er sagt: „80 Jahre habe ich meinem Herrn treu gedient, und sollte nun noh untreu werden!“ Er geht und geht in seinen Tod, aber im Namen des Herrn. 8 Tage darauf starb er am Typhus. . . . . . Wie der Großvater, so hat auch er sich von einem Krankenbesuche den Grund zu seinem Tod geholt. Er fühlte sein Ende herannahen und sagte am Donnersstag vor seinem Tode: „In 3 Tagen tut mir nicht3 mehr weh.“ Zuleßt feierte er mit seiner Familie noch das heilige Abendmahl und empfing e8 aus der Hand de3 einzigen Sohne3. . . . . . So matt und schwach 22
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