Erkannter Text Seite 72 und 73
Maschinell aus dem Scan gelesen. Fraktur wird nie fehlerfrei erkannt — zum Auffinden gedacht, nicht zum Zitieren.
Seite 72
344 Anhang Nr. 49 Nr. 49 Die Kasseler Rocholl Von Maria Schotten geb. Rocholl (St.f. 1X 4)) Wohl dem, der seiner Väter gern gedenkt, Die fest und ehrenvoll durch3 Leben gingen, Mit deutscher Treu' an ihrer Heimat hingen, Dem Vaterland manch wa>'ren Sohn geschenkt. Vierhundert Jahre steht das Rocholl-Haus8, Beschirmt von seines Stammbaums mächt'gen Zweigen, Kein Zedernholz, von echten deutschen Eichen, Und viel Geschlechter gingen ein und aus. Heut" sucht ein Jeder im Familienkreis Von seiner Ahnen Leben zu erfahren, „Wie sie an Denken, Leib und Seele waren,“ Und d'rum will ich erzählen, was ich weiß! Ich habe das 80. Lebensjahr erreicht, werde wohl bald zu meinen Vätern versammelt sein, und darum eilt'3. Die Wiege unserer No choll- Ahnen stand in Radevormwald, im Hause des Tuchmachers und Färber8 Gottschalk Rocholl, x 1593. Sein Enkel Adolph Wilhelm kam nach Korbach und dessen Sohn Bernhard nach Kassel. Sein Sohn wiederum, Adolph Wilhelm, der Commerzrat No chholl, war mein Großvater. Er soll aus drei Ehen 21 Kinder gehabt haben. In der alten Stammtafel von Louis Rocholl finde ich zwar nur 16, aber das ist ja auch aller Achtung wert?). In Kassel, der kleinen Residenzstadt, kannte jeder Bürger den anderen, und die Nachbarschaft wurde gepflegt. Kein Bild verwischt so schnell, wie in der Groß- stadt, und wenn wir heute zurücblicken auf die politischen Ereignisse jener Zeit, scheinen sie uns wie Sturm im Wasserglase. Die Familie Ro chh oll war eine große Familie, erfreute sich allgemeiner Hochachtung und hing so treu zusammen, daß ihre Einigkeit in Treu und Leid fast sprichwörtlich geworden war. Adolph Wilhelm war ein tüchtiger Kaufmann und ein wohlhabender Mann. Er besaß ein Gut und viel Landbesik, und seine älteren Kinder wuchsen im Wohlstand auf. Dann verlor er aber in der Franzosenzeit viel Vermögen, und als er plökßlich durch Blutvergiftung an einem verlekten Finger starb, blieben die vier Jüngsten ziemlich mittellos zurück. E3 war jedoch ein guter Kern in seinen Kindern, mit frischem Mut und eisernem Fleiß standen sie im Leben, und ihre Häuser wurden trauliche Stätten, in denen ihre Kinder aufwuchsen. 1) Sie verfaßte diese Zeilen, die hauptsächlich ihren Großvater und dessen zahlreiche Kinderschar betreffen, in ihrem 80. Lebenssjahr kurz vor der Drucklegung dieser Familieneschichte. gef 2?) Grwiesen sind heute 18, und es dürften wohl auch nicht mehr gewesen sein. -- R. Rocholl.
Seite 73
Anhang Nr. 49 345 Bernhardine, die Aelteste au8 1. Ehe des Adolph Wilhelm, heiratete Franz Heinrich Thorbede und bewohnte mit ihm wohl das schönste Haus in Kassel, mit köstlichen Wandgemälden vom Maler Nahl geschmückt, das jekt unter Denkmalsschuß steht. Sie war eine kleine bewegliche Frau mit Seitenlöckchhen, unermüdlich tätig in Haus und Familie und selbst im Geschäft ihre38 Gatten. Von 13 Kindern blieben ihr nur vier. Ihre Schwester Wilhelmine, die 2. Frau des Tuchhändlers Georg Kaß, stand ihr an Tüchtigkeit nicht nach. In ihrem Haus fand der Jüngste, Otto, eine 2. Heimat. Friß, der nächste, jedoch au3 2, Che des Adolph Wilhelm stammend, war Essigfabrikant und soll ein großes Erzählertalent gehabt haben. In seinem alten Hau38 versammelte sic an Sonn- und Feiertagen oft die Familie und lauschte den Berichten von seinen Fahrten durch's Land bis in die fernsten Nester, zu Pferd mit dem Mantelsack oder im Cinspänner. Wenn seine Erlebnisse auc auf Wahrheit und Dichtung beruhten, seine Zuhörer erfreuten sich daran immer auf's Neue. Er hinterließ 1 Sohn und 2 Töchter. Wilhelm, der nun folgte, kam wohl durch seinen Schwager Thorbecke nach Bamberg. Er heiratete dort in die angesehene Familie Gnuva und starb kinderlo8. In seinem Hause fand sein Bruder Ferdinand, mein Vater, seine künftige Frau, und zur Hochzeit zog die ganze große Familie aus Kassel in's Bayernland. Carl gründete in Bremen eine Tabakfabrik. Er war ein großer hagerer Mann von außerordentlicher Lebhaftigkeit und kam oft nach Kassel, um nach seinen Geschwistern zu sehen. Seine beiden Frauen waren Ro ch oll - Töchter aus Lippstadt. Er besaß 4 Söhne und 1 Tochter, die schöne T h eo dor e. Aber über seinen Söhnen schwebte ein Unstern, denn sie wurden ihm im blühenden Alter hinweggerafft. Nur die schöne Theodore kehrte als Frau von Carl Behmexr in die Heimat ihres Vater38 zurü. -- Bei Carl verlebte sein Bruder Ferdinand seine Jugend. Aus Lippstadt kam auch Wilhelm Ro chho ll, ein Bruder der beiden vorerwähnten Frauen von Carl, nach Kassel. Er heiratete Theodore, die jüngste aus 2. Ehe de3 Adolph Wilhelm, und wurde Teilhaber seine8 Schwagerss Ferdinand in dessen Zigarrenfabrik. Er kam aus guten Verhältnissen, war ein wohlbeleibter Herr, sehr lebhaft und unternehmungslustig, leicht heftig, aber schhnell versöhnt, und hatte allezeit ein offenes Herz und eine offene Hand, wenn jemand seiner Hilfe bedurfte. Seine Frau starb jung und hinterließ ihm 2 Töchter und 1 Sohn. Au3 3. Ehe von Adolph Wilhelm war mein Vater Ferdinand der Aelteste. Er war schon etwas Sonderling als Knabe, denn wenn seine Brüder auf der Straße Soldaten spielten, saß er al8 General im Haus und schickte schriftlich jeine Befehle. Immer um das Wohl der Seinen besorgt, saß er bei der ersten Petroleumlampe wegen Feuer38gefahr mit einem Eimer Wasser wochenlang am Abendtisch. Als in der Cholerazeit Shwager Wilhelm ein großes Familienessen gab mit einer großen Schüssel Gurkensalat, der für bedenklich galt, ergriff er die Schüssel, das Fenster flog auf, und der Gurkensalat auf die Straße. „So, ich habe euch gerettet!“ sagte er ruhig, und dem ernsten Sturm folgte große Heiterkeit. Sein gütiges Serz schlug nicht nur für Frau und Kind, sondern auch für seine Arbeiter. In Bremen bei seinem Bruder Carl hat er viel mit großer Begeisterung da3
Anhang · andere Bände · Blättern auch mit den Pfeiltasten